Vendetta Mediterranea - Alisa & Massimiliano
Prolog
Berdsk - Sibirien
Irina Alisa
»Mama!«
Mehr konnte ich nicht hören. Mein Atem war eisig. Jeder Luftzug tat weh.
»Hat Katja den Ofen vergessen?«
Es ist so kalt, dachte ich und starrte in die Dunkelheit. Ich glaubte, unter meinen Fingerkuppen bildeten sich Eiskristalle. Für den Bruchteil einer Sekunde wagte ich, den Fuß unter der schweren Decke herauszustrecken. Als hätte mich der Hieb eines Bären getroffen, so fühlte sich der Schmerz an. An Wassilys Geschrei im letzten Herbst konnte ich mich gut erinnern. Jetzt ahnte ich, wie sehr er gelitten hatte. Der Schock fraß sich in meine Gedanken. Hier stimmte etwas nicht. Niemals hätte es Katja versäumt, Holz aufzulegen. Als ältestes Mädchen unter uns Geschwistern war es ihre Aufgabe. Stets fürchtete sie die Strafe, sollte sie es auch nur ein einziges Mal vergessen. Dimitri kannte keine Gnade, wenn es um die Erfüllung seiner Aufträge ging. Von klein auf wusste ich, dass wir eine besondere Familie waren.
»Mama ... Mama ... nein ...«
Wieder Schreie, abgehackt, ich sprang aus dem Bett. Kälte und Dunkelheit blendete ich sofort aus. Das Ächzen der alten Holzdielen interessierte mich nicht. Ganz sicher waren meine Schritte unten zu hören. Das Mädchenzimmer befand sich im hinteren Teil des Hauses, direkt über dem großen Salon. Von jeher wohnten wir im Seitenflügel der Makarow-Villa. Vielleicht drangen deshalb die fürchterlichen Schreie gedämpft hier hinauf. Langsam schob ich meinen schmalen Körper durch die leicht geöffnete Tür, trat ans Treppenauge und sah hinunter. Jede Stufe, die ich unter meinen nackten Sohlen spürte, forderte, mich augenblicklich zurückzuziehen. Auf keinen Fall durfte ich mich dem Geschrei nähern.
»Erstes Gebot der Makarows Prinzessin: Bringe dich niemals unnötig in Gefahr.«
Oh, Dimitri konnte so überzeugend sein, selbst mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Was mich hinunterzog, wirkte wie eine Art abscheuliche Macht. Der Weg fühlte sich fürchterlich weit an. Als ich endlich in die große Halle kam, war die Villa still. Unheimlich, im alten Gussofen knackte das Holz, überall herrschte beinahe Dunkelheit. Die Kronleuchter an der hohen Decke warfen ihr spärliches Licht auf die Wände. Alles, was ich wahrnahm, waren Schatten. Ein Schauer raste mir den Rücken hinunter. Das wenige Licht zwang mich Ruhe zu bewahren und auf meinen Puls zu konzentrieren. Das Herz schlug mir noch immer bis zum Hals. Das war nicht gut, ich musste mich beruhigen. Anders als meine Brüder, brauchte ich das Fokussieren auf Unerwartetes nicht zu lernen. Es war eine Fähigkeit, die mir angeboren war.
»Irina, Kind, es ist erstaunlich, wie beherrscht du sein kannst«, hatte mich mein Großvater Nikolai gelobt und darin bestärkt.
Stolz und mit rot gefärbten Wangen war ich damals in den roten Salon gestürmt, vorbei an meinen Brüdern, die wie gelähmt auf dem Teppichboden standen. Ich hatte Großvater Nikolai jeden Tag beobachtet, seine Gesten ohne darüber nachzudenken nachgeahmt. Es war ein Spiel, das ich liebte.
Erst später erkannte ich, dass die Fähigkeit auf beängstigende Ereignisse kalt und überlegt reagieren zu können, zur Ausbildung gehörte. Nikolai Makarow handelte hart und unnachgiebig, wenn Wassily und Ivan ihn nicht überzeugen konnten. In seinen Augen galt es als Versagen, den Vorstellungen des Patriarchen nicht zu genügen. Regelmäßig hagelte es Strafen. Endlich gelang es mir, den Puls zu beruhigen.
»Großvater?«, rief ich.
Gleich würde ich in seine warmen grauen Augen schauen. Augen, die ich über alles liebte. Warum sich in mir plötzlich Freude breitmachte, hätte ich nicht erklären können. Das passte weder zu mir und noch weniger zur Realität. Irgendetwas in mir verlangte, cool zu wirken.
»Cool, das Lieblingswort von Wassily«, flüsterte ich. Der Versuch zu schmunzeln, misslang. »Großvater, Nikolai?«, rief ich erneut.
Trotz des Dämmerlichtes schlich ich durch die Halle in Richtung Salon. Sich ähnlich einer Katze, ganz gleich unter welchen Bedingungen, sicher in unserer Villa zurechtzufinden, war eine Lektion, die ich erfolgreich gelernt hatte. Ärgerlicherweise verringerte meine Aufregung die nötige Aufmerksamkeit. Deshalb übersah ich etwas im Schatten, worüber ich stolperte. Binnen Sekunden fiel ich und schlug hart auf den Steinboden.
»Irina, verdammt, was tust du da?«, schimpfte ich.
Ich rappelte mich auf und trat nach dem vermeintlichen Sack, der mir im Weg lag. Ein heftiger Schmerz zog in meinen Ellenbogen. Nach einem tiefen Atemzug, tastete ich nach der Tür. Das alte Holz gab nicht nach.
»Sie klemmt! Großvater, was ist hier los?«
Stille. Herzrasen, der Stolz verblasste, mein Blut schien einzufrieren. Wie wahnsinnig stemmte ich mich gegen die Tür. Endlich knarrte sie. Panik überzog mich, die gelassene Haltung gelang mir nicht mehr. Ich starrte in die Dunkelheit. Erinnerungen an unsere Meditationsübungen blitzten vor meinen Augen auf. Den Augenblick einfrieren und ihn zu fixieren, war ein brauchbares Mittel, um den Geist in die hinterste Ecke des Kopfes zu verbannen.
»Handeln, Irina, Funktionieren, ohne Grübelei. Das kann entscheiden, ob du lebst oder stirbst.«
Ein letztes Mal presste ich mich gegen das Türblatt. Dann verließ mich die Kraft. Ich hörte ein eigenartiges Geräusch, so als würde etwas Schweres nach unten rutschen. Dann spürte ich einen winzigen Spalt. Er genügte, um meine Hand dazwischen zu schieben und nach dem Lichtschalter zu tasten. Ein greller Lichtschein blendete mich. Sofort riss ich meine Hand nach oben. Der Zugang zum Salon stand weit genug auf. Ich kämpfte, bis ich mich hindurch zwängen konnte. Die Hand, die eben noch schützend vor den Augen gelegen hatte, sank auf meinen aufgerissenen Mund. Der ohrenbetäubende Schrei klang fremd und unnatürlich. Doch er kam aus meiner Brust. Ich war die einzige, die noch schreien konnte. Meine Brüder, Katja, meine vier Jahre ältere Schwester, Großvater Nikolai, Mama, Papa, alle lagen sie da, verstreut auf dem Dielenboden. Offenbar wurden sie von den Angreifern überrascht und starben dort, wo sie sich gerade befanden.
In meinen Ohren begann es zu rauschen. Mein Blick verschwamm, der Raum drehte sich. Bevor ich der Schwärze erlag, hörte ich eine vertraute Stimme. Arme umfassten mich, hoben mich an und trugen mich hinaus. Dankbar begrüßte ich die Stille, die mich einhüllte.
Kapitel 1
Vernazza - Italien - 13 Jahre später
Irina Alisa
»Irina, du musst härter arbeiten.«
In Wiktors Augen blitzte es. Ohne ein Wort zu sagen, erhob ich mich und nahm meine vorherige Stellung ein. Mein Rücken schmerzte, der Puls kämpfte mit der Geschwindigkeit, die mein Blut vorschrieb. Ich spürte meine Hände nicht mehr. Trotzdem schluckte ich die Wut hinunter.
»Irina, eine Kämpferin?« Damals hatte Wiktor grübelnd am Kamin gestanden, während sein kalter Blick über mich hinwegstrich. Dann verlor er sich am Fenster. »Sieh dir das Mädchen an. So zart, zerbrechlich.« Seine Worte taten mir noch heute weh. Ruckartig hatte sein Blick an mir gehangen. »Wie alt bist du?«
In den dunkelbraunen Augen meines Cousins stand Ablehnung. Es hatte mich Jahre gekostet um zu erkennen, dass es seine Art war, mit seinem Umfeld umzugehen. Gefühle kannte der älteste Sohn meines Onkels Don Pawel Makarow nicht. Ihn hatte ich nie kennengelernt. Er war drei Jahre vor meiner Ankunft gestorben.
»Zwölf«, hatte ich trotzig erwidert. »Ich kann genauso hart kämpfen wie meine Brüder.«
»Die sind, soweit ich mich erinnere, tot und begraben«, sagte Wiktor.
Nur mit Mühe hatte ich die Tränen zurückhalten können. Die gnadenlose Härte in den starren Augen meines neuen Familienoberhauptes überzeugte mich jedoch schon damals, hier am richtigen Ort zu sein. Einer, der mich durch die Hölle gehen lassen würde, aber auch auf meine Rache perfekt vorbereitete. Deshalb hatte meine Stimme weniger trotzig geklungen, als gut für mich gewesen wäre. Nachdem meine gesamte Welt binnen einer halben Stunde vollständig ausgelöscht wurde, war ich dankbar. Es glich einem Wink des Schicksals, dass der wichtigste Mann im Haushalt meines Vaters überlebt hatte. Dimitri Jurij Below hatte innerhalb einer Woche dafür gesorgt, dass seine Frau Ludmilla drei überlebende Angestellte und ich im Flieger nach Mailand saßen.
Er hatte mich damals an der Schulter gepackt, mein Kinn hochgerissen und mit leiser Stimme erklärt: »Du bist die einzige Überlebende einer großen Familie. Somit obliegt dir die Verpflichtung, dein Erbe für die Nachwelt zu erhalten. Das bedeutet, ab heute wirst du dich einer gnadenlosen Ausbildung unterziehen. Hast du das verstanden?«
Trotz tränenverschmiertem Gesicht hatte ich genickt. Das kaum sichtbare Nicken des Mannes, dem ich bis zu der verhängnisvollen Nacht aus dem Weg ging, war für mich der erste Schritt in ein neues Leben.
»Gut, dann werden wir es mit ihr versuchen«, hatte Wiktor emotionslos festgelegt. Bevor er den Raum verließ, hatten sich seine Augen in meine gebohrt. Von da an bestand mein Leben aus dem kräftezehrenden Training einer Elitekämpferin und der Führung des Haushaltes meiner neuen Familie.
»Du allein bist die Königin deiner Atmung. Befiel ihr, zwinge sie, dir zu gehorchen«, hörte ich Oleg flüstern. Augenblicklich zog ich die Luft ein. Geräuscharm, so wie ich es gelernt hatte. Während ich die Augen schloss, zog ich meinen nächsten Atemzug in die Länge. Einfach jeder brachte Kampfsport mit Kraft, Ausdauer und hoher Anstrengung in Verbindung. Nichts dergleichen entsprach mir. Dabei war es unnötig. Nur ahnten das die meisten nicht. Vorausgesetzt, du weißt, was du tust, dachte ich und lechzte nach dem Rest des Sauerstoffes, der meiner Lunge noch blieb. Als könnte ich ihn mit den Augen erkennen, spürte ich jeden Schlag meines Herzens.
»Die Fähigkeit zum Kämpfen liegt uns im Blut. Allgemeine Praktiken zu verinnerlichen, ist nicht nur bei uns Tradition.« Das waren die ersten Worte, die Großvater einst zu dem Thema sagte. »Ein guter Kämpfer muss verschiedene Stile beherrschen. Dabei kommt es auf die Mischung an, die natürlich vom jeweiligen Gegner abhängen kann. In der Regel gibt es für dich nur eine Aufgabe, deinen Feind mit schnellen und vor allem durch unerwartete Aktionen außer Gefecht zu setzen. Am besten, bevor er die Möglichkeit hat, es vor dir zu tun. Plumpe Tritte oder Schläge sind dabei oft ungeeinet. Vergiss nicht, jede Familie bildet ihre Kämpfer in gleicher Art aus. Es hängt also immer davon ab, ob es dir gelingt, Überraschendes zu tun, um einen Gegner in die Knie zu zwingen. Dein Überleben wird am Ende von diesem Können abhängen.«
In all den Jahren des Trainings, hatte sich hier seine Ansicht in mir verstärkt.
Mit Waffen kann jeder einen Kampf führen, dachte ich.
Aber ohne Hilfsmittel, präzise auf den Punkt, dazu lautlos und unbemerkt, das gehörte in eine andere Liga. Vermutlich zählten mich meine Cousins nach wie vor nur bedingt dazu. Ein leichter Windzug im Nacken kündigte Wiktor an. Wenigstens mit der Perfektion des Erkennens, es zu wissen, wann sich jemand nähert, konnte ich in den letzten Übungsstunden überzeugen. Instinktiv stellte sich jeder meiner Muskeln auf Gefahr ein. Anderenfalls hätte ich es sofort vergessen können, seinen Erwartungen ein weiteres Mal gerecht zu werden.
Vielleicht ist genau das auf ewig ausgeschlossen, schoss es mir ins Hirn.
Frust schlich sich an. Den galt es vor ihm zu verbergen, obendrein würde er mich zu sehr ablenken. Sobald Wiktor den Raum betrat, ganz gleich wo, spielten sich die Szenen genauso ab. Trotz seiner siebenunddreißig Jahre war er ein sehr attraktiver Mann. Dass er bei mir schon frühzeitig Verlangen auslöste, war ihm bewusst und er spielte damit.
Seine Worte: »Ira, betrachte es als glückliche Fügung, dass du zur Familie gehörst. Es gibt durchaus Methoden, mit denen ich deine Ausdauer effektiver steigern kann. Allerdings wirkt dein zarter Körper auch nicht, als wäre er meinen Anforderungen gewachsen«, hatten in mir Trotz und Wut wachsen lassen.
»Wie kommst du denn zu der Erkenntnis?«
Der hitzige Ton, mit dem ich reagierte, war die Folge gewesen. Dass ich besser den Mund gehalten hätte, weiß ich heute. Meinem Denkvermögen der Sprache künftig den Vorrang zu lassen, hatte ich fortan auf die harte Tour gelernt. Noch immer sah ich es vor mir, wie sich seine Augen zu nächst weiteten, um sich dann in schmale Schlitze zu verengen. Außerdem war es bis zu diesem Tag das erste Mal gewesen, dass ich auf ihn in der Art reagierte. In Gedanken strich ich über mein Kinn, das er damals zwischen seine Pranken zog, um mein Gesicht in seine Richtung zu drehen.
»Kleine Prinzessin, besser du überlegst dir, was du dir wünschst und hörst auf, mich zu provozieren. Vielleicht mache ich eine Ausnahme. Was sich zwischen deinen Beinen abspielt, wenn ich in deine Nähe komme, ist offensichtlich. Das ist nicht hinnehmbar, Mädchen. Solange es dir zu Hause passiert, kein Problem. Aber hüte dich davor, einem Feind zu zeigen, welche Wirkung er auf dich hat. Selbst dann, wenn du es nicht beabsichtigst. Habe ich mich verständlich genug ausgedrückt?«
Es war so heftig, sein Blick hatte dem Druck seiner Finger entsprochen. Allerdings erhöhte er damit die Wirkung auf meinen Körper und er wusste es. Ich hätte schon komplett blind sein müssen, um das nicht zu merken. Heute prallten solche Worte an mir ab. Ich vermied es, ihm unvorbereitet zu begegnen. Doch wenn ich ehrlich war, berührte mich seine Dunkelheit mehr, als gesund sein konnte. Genau so einen Moment hatte er heraufbeschworen. Ich nahm seinen aufregenden Geruch wahr, von dem ich inzwischen wusste, er sorgte dafür, dass ich ihn riechen konnte. Eine Mischung aus reifen Zitronen und frischer Minze, meine Augen noch immer geschlossen, erlaubte ich mir einen tiefen Atemzug.
Oh, Wiktor, ich kenne dich gut genug, dachte ich.
Der Gedanke hätte mich beinahe Schmunzeln lassen. Es waren nur Sekunden und Wiktor zog sich zurück. Sein tiefes Knurren war mir Warnung genug. Meine nackten Füße tasteten das Holz ab, das er neben mir bereitgelegt hatte. Jede Zehe kannte das Gefühl des Kontaktes mit dem geschliffenen Kampfstab. Halt zu finden, Balance zu halten, dabei den Rumpf in Wiktors vorgegebene Richtung zu drehen, ohne Blinzeln oder zu atmen, war mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ungeachtet davon gehörte die Übung zum täglichen Trainingsmarathon.
Ich beschwerte mich nie, hatte noch niemals widersprochen oder auch nur in diese Richtung gedacht. Ganz egal, wie lange es dauern würde. Alles, was Wiktor im Sinn hatte, war, mich zu einer Kampfmaschine auszubilden.
»Ein sibirischer Wolf im Fell eines sanften Schäfchens«, so nannten sie mich. Alles geschah nur mit dem einen Ziel, Rache nehmen zu können, an denen, die meine Familie ausgelöscht hatten.
Seine Hand berührte meinen Rücken. Keinesfalls durfte der flüchtige Kontakt etwas an meiner Konzentration ändern.
»Deine Reflexe sind zu lasch«, brummte mein Trainer. Innerlich zuckte ich. Doch ich nickte. »Schultern hoch!« Automatisch folgte mein Rücken seiner Hand. »Ich glaube Ira, du machst das absichtlich. Es ist müßig, ständig das trotzige Mädchen in dir abzuschalten. Du weißt, es war meine Entscheidung, dich auszubilden. Also stelle meine Beurteilungsgabe nicht infrage.«
Dass mein innerer Kochtopf am Brodeln war, hatte sein Instinkt sofort mitbekommen. Ihm entging einfach nichts. Es war mir ein Rätsel, wie ihm das gelang. Ich blinzelte, selbst die winzige Bewegung registrierte er. Erneut entfernte er sich. Langsam ließ meine Anspannung nach.
Er ist nicht grundlos der gefürchtetste Kämpfer im Umkreis, dachte ich. Etwas Privatleben täte ihm trotzdem gut.
Mein Ego war drauf und dran, ihm meine Gedanken mitzuteilen. Zum Glück war ich jetzt allein. Oleg war schon lange vor Wiktor gegangen. Sie trainierten nur noch ab und zu gemeinsam. Führung brauchte der jüngste Sohn der Makarows nicht. So, wie ich es einschätzte, begegneten sich die Brüder auf Augenhöhe. Oberflächlich sah es so aus, als würde Oleg wie ich die Nähe zu Wiktor meiden. Ein Urteil hierzu verbot ich mir. Bei dem geringen Einblick, den sie mir in ihre internen Angelegenheiten erlaubten, wäre es ohnehin mehr Raten als Wissen.
Ich werde wohl immer das übriggebliebene Kind sein, dachte ich seufzend und begann aufzuräumen.
Eine halbe Stunde später zog es mich in die Küche. Ich mochte die offene Struktur des Hauses. Anders als in Russland zogen es die Makarows vor, sich dem hiesigen Flair ihrer Nachbarn anzupassen. Strategisch eine kluge Entscheidung und wie ich meine, unglaublich schön. Meine Erinnerung an die alte Heimat verschwand mit den Jahren. Übrig geblieben war die fürchterliche Nacht. Sicher, den eisigen Wind, die Weite der Wälder und Wiesen, die ich mit meinen Geschwistern durchstreifen konnte, gab es hier nicht. Meinen neuen Wohnsitz empfand ich als noch schöner. Für den Blick, den mir die alte Steinvilla hier oben vom Hügel aus bot, würde ich einiges geben. Er reichte bis hinunter auf das Türkis des Mittelmeeres. Jeder Stein der Mauern, die meine Finger so gern berührten, verschmolz mit der mediterranen Aussicht. Dabei unterschied sich das Heim der Makarows keineswegs von den übrigen Gebäuden Vernazzas.
»Unsere Vorfahren haben das Gelände nicht grundlos bebaut«, hatte Oleg erzählt. »Die Aussicht ist unbezahlbar und stratigisch unvergleichlich. Außerdem hält die Entfernung zur Bucht den Lärm der Touristen fern«, hatte er grinsend hinzugefügt.
Mit Oleg hatte ich bis heute viel Zeit verbracht. Ohne seine lockere freche Art wäre es ein einsames Heranwachsen gewesen. Vielleicht machte es der geringe Altersunterschied zwischen uns einfacher. Allerdings hatte ich früh verstanden, dass sich hinter dem vermeintlichen Sonnyboy ein ebenso harter Kämpfer verbarg. Wiktor hatte nie aufgehört, mir seine Vorstellungen verständlich zu machen. Unsichtbare Fähigkeiten hinter einem lausbübischen Grinsen zu verstecken, verlängerte unter Umständen das Leben in der Welt der Clans.
Von Beginn an versorgte ich den Männerhaushalt. Es wurde weder erwartet, noch verlangt. Ich hatte einfach das Gefühl, mich erkenntlich zeigen zu müssen. Dabei liebte ich es zu kochen.
»Die Kleine steckt voller Überraschungen«, hatte Oleg anerkennend gesagt, als er sich seine ersten Blinis zwischen die Zähne schob.
Russische Spezialitäten kannte hier natürlich niemand. Neugierig und vor allem hungrig genug waren die Kerle schon, die sich um den Tisch versammelt hatten. In der Beziehung unterschieden sie sich kaum von den Männern im sibirischen Haushalt. Ich füllte gerade die erste Salatschüssel, als Oleg in die Küche kam. Mit den Tellern in der Hand drehte ich mich um. Er lächelte wie immer. Mein Blick blieb an seiner offenen Mimik hängen. Er war so ganz anders, als seine Brüder. Wiktor und Andrew würde ich als gefährliche Wölfe bezeichnen. Wobei ich Andrew nur selten begegnete. Oleg zeigte offen was er dachte, scherzte und redete, wie ein Wasserfall.
»Lass dich nicht täuschen«, hatte Wiktor gewarnt. Die Vertrautheit zwischen uns war ihm schnell aufgefallen. »Wenn es nötig ist, handelt er wie jeder von uns.«
Auch wenn Oleg der Jüngste war, oblagen ihm die Finanzen. Kein Grund, sich Wiktors kräftezehrenden Trainings zu entziehen. Ich hatte ihn oft beobachtet. Manchmal trafen sich unsere Blicke. Was immer er tat, er wirkte auf Fremde ebenso ungefährlich wie ich. Oleg fing meinen Blick ein. Augenblicklich zog ein frisches Grinsen in sein sonnengebräuntes Gesicht. In den warmen hellbraunen Augen konnte ich mich ohne Sorge verlieren. Er war etwas kleiner als seine Brüder und scheinbar mit einem geringeren Muskelpaket ausgestattet. Eine klare Fehleinschätzung, das konnte ich schwören. Zu oft war ich Zeugin ihrer heftigen Kämpfe gewesen. Somit galt er unter seinen Brüdern als Geheimwaffe. Eine klare Sicht auf das Vermögen der Familie zu haben und dabei mit einem guten Geschäftssinn gesegnet zu sein, machte ihn zum unverzichtbaren Mittelpunkt.
Seine ungezwungene Lebensart, die ich mit dem wunderbaren Ort verglich, an den es mich verschlagen hatte, brachte uns viel früher näher, als es die anderen erkannten. Uns verbanden ähnliche Hobbys wie Schwimmen, Wandern, Plaudern und zu allerletzt Kochen. Das liebte er wie kein anderer. Gelegenheiten zum Quatschen fanden wir jeden Tag. So lernten wir uns kennen. Nach wenigen Wochen war es zur Gewohnheit geworden, dass ich meine Freizeit mit Oleg verbrachte. Daran hatte sich bis heute nichts geändert.
»Was hast du?«
Er beobachtete mich. Ähnlich wie Wiktor konnte er in meinem Gesicht lesen. Keine der harten Trainingsstunden hatte mir geholfen, die Schwäche abzustellen.
»Ich suche die Unterschiede zu den anderen. Jedesmal, wenn ich das tue wird klar, wie viel Glück ich habe, dass du noch hier bist. Es war ohnehin eine harte Kindheit.«
Meine Augen zuckten verdächtig. Die aufsteigenden Tränen herunterzuschlucken, gelang mir nur mit Mühe. Das Grübchen über seiner Nase verlieh der sonst glatten Stirn ein merkwürdiges Aussehen. Das Bild war mir geläufig. Er streckte sich und hielt meinen Blick fest. Überlegend strich er mit der Hand über seinen drei Tage Bart. Dann kehrte das freche Grinsen zurück.
»Wenn ich dir sage, dass es mir genauso ging ...«
»Würde ich es nicht glauben«, beendete ich seinen Satz.
Bevor er nicken konnte, erschien Wiktor in der Tür. Worte versiegten, nur die Augen sprachen. Ich kannte jede Silbe. Sein Blick musterte seinen Bruder. Wüsste ich es nicht besser, sah ich Missbilligung. Oleg reagierte nicht, rutschte auf der schlichten Holzbank nach links und wartete, bis er sich setzte. Oleg sah auf und zwinkerte mir zu. Außerhalb der Trainingsstunden verhielten sich die Männer wie normale Familienmitglieder. Wiktor schüttelte kurz den Kopf und reckte seine Figur. Dabei hob er die Arme hinter den Kopf, verschränkte die fleischigen Finger ineinander und zog sie auseinander. Das vernehmbare Knacken ließ mich zum Herd zurückzukehren.
»Riecht gut, Ira, wie immer«, murmelte Wiktor beiläufig.
Inzwischen hatte ich den Tisch gedeckt und beide schaufelten gegrilltes Gemüse auf ihre Teller. Als Ältester hatte er eine strengere Erziehung erhalten. Auch das erinnerte an Sibirien. Beklagen würde ich mich nie. Ungerecht ging es im Hause Makarow nicht zu. Seit dem Tag, als mich Dimitri zu ihnen gebracht hatte, gehörte ich ganz selbstverständlich zur Familie. Dennoch veränderte sich die Atmosphäre im Raum, sobald sich Wiktor näherte. Erschrocken spürte ich, wie ich ihn anstarrte. Anders als Oleg, lobte er nie, es sei denn, er sprach von meinen Kochkünsten. Mich während des Trainings oder bei der Beurteilung meines vermeintlich sanften Wesens zu loben, war für ihn ausgeschlossen. Allein von ihm nicht wegen eines eventuellen Fehlers zurechtgewiesen zu werden, galt in seinen Augen als größte Zuwendung, die ich erwarten durfte.
Erinnerungen an die ersten Wochen holten mich ein. Die breiten flachen Stufen vor dem Steinhaus strahlten bis tief in die Nacht Wärme ab. Ein Grund, weshalb sie für mich zum perfekten Rückzugsort wurden. Die Sonne war längst im Meer versunken, als sich Oleg zu mir gesetzt hatte. Kaum, dass ich ihn wahrnahm, hatte ich mein Gesicht in meinen Händen versteckt. Das heftige Weinen konnte ich dennoch nicht stoppen. Trauer und Hilflosigkeit waren stärker, als die von ihnen erwartete Härte.
»Daran wirst du dich gewöhnen, kleine Ira. Du musst immer daran denken, Wiktor sorgt für dich, ganz egal, wie er sich dir gegenüber benimmt. Er wird dich mit seinem Leben schützen und dir alles beibringen, was du für eine sichere Zukunft brauchst. Ebenso für die Rache, die dir unter den Nägeln brennt. Weißt du, deine Kochkünste zu loben, ist für ihn mit der Anstrengung vergleichbar, die du im nächsten Training erleben wirst. Für den alten Brummbär ist es keine Selbstverständlichkeit, dass ein zartes Mädchen unseren Haushalt übernimmt. Er findet regelmäßig den Weg an den gedeckten Tisch. Das ist eine große Anerkennung.«
Noch heute funktionierte der Augenkontakt mit Oleg. Die Brüder ähnelten sich so wenig wie Sonne und Mond. Trotzdem verstanden sie es als Einheit zu handeln und die Geschäfte zu führen. Entscheidungen trafen sie gemeinsam. Eigenartigerweise hatte Andrew, der mittlere der Brüder, dasselbe Mitspracherecht. Er war mir unheimlich. Um das Gefühl zu rechtfertigen, fehlte mir das Wissen. Tatsächlich hatte ich ihn, außer an Feiertagen oder Familienfesten, kaum gesehen. In der Regel war ich keine Zeugin der Familiengespräche. In meinen Augen gehörte ich dort auch nicht hin. Dass sie mich fast nie teilhaben ließen, war mir recht. Natürlich konnte man nicht alles vor mir geheim halten, schließlich war ich ja anwesend. Was mich betraf, kannte ich es nicht anders. Im Haus meines Vaters blieben die weiblichen Mitglieder der Familie von wichtigen Entscheidungen auch verschont oder ausgeschlossen, so wie man es eben sehen wollte.
Es war nicht ungewöhnlich, keinerlei Reste einer Mahlzeit übrig zu haben. Wiktor stand auf und fasste nach dem Stapel Schüsseln, die ich noch nicht vom Tisch genommen hatte. Sofort weckte er meinen Argwohn. Er wich nie von seinen Gewohnheiten ab. Schon am Morgen verhielt er sich anders. Kurz blieb er stehen und sah mich an. Jedes Haar an meinem Körper richtete sich auf.
»Am Wochenende findet ein Familientreffen statt.«
Vorsichtig nickte ich und wartete. Das Gefühl, er hatte noch mehr anzukündigen, versorgte mich mit rasendem Puls.
»Wird Andrew der Einzige sein, den wir einrechnen müssen?«
Mein Versuch, unbeteiligt zu klingen, misslang.
Ist das ein Schmunzeln in deinem Gesicht?, lag mir auf der Zunge.
Instinktiv schaute ich zu Oleg und erschrak über den ernsten Ausdruck seiner Augen.
Oh, oh, dachte ich und versuchte die Panik niederzuringen.
Wiktor verhielt sich, als fiel es ihm nicht auf, was natürlich Blödsinn war. Offenbar hatte er mit meiner Reaktion gerechnet. Seine Gesichtszüge wirkten streng, aber zum Glück nicht ärgerlich.
»Richtig. Aber deshalb habe ich es nicht erwähnt. Es geht um dich Ira.«
Ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, drehte er sich um und verließ die Küche. Sofort wendete ich mein Gesicht zum Tisch. Olegs Aufmerksamkeit hing an mir. Dass er untypisch wortkarg blieb, alarmierte mich noch mehr. Was ging hier vor? Plötzlich verengte sich mein Brustkorb, ich spürte, wie sich mein Körper verkrampfte. Oleg räusperte sich.
»Lass uns einen Spaziergang machen, Alisa.«
Er trat zu mir, strich mir sanft übers Haar und folgte seinem Bruder hinaus. Nur er nannte mich Alisa und auch nur dann, wenn wir allein waren. Es war ein Zeichen unserer Verbundenheit. Quasi etwas, das nur uns gehörte, wie ein geheimer Code. Mein zweiter Vorname war kein Geheimnis. Zu Hause rie- fen mich meist meine Geschwister so, gewöhnlich, um mich zu ärgern. Alisa hatte für sie nicht russisch genug geklungen. Ich vermutete, Wiktor und alle anderen im Haus vermieden ihn aus Respekt vor meiner verstorbenen Familie. Sie nannten mich Irina, manchmal auch Ira. Mit einem miesen Gefühl im Magen griff ich zum Spülschwamm und öffnete den Wasserhahn.